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Was kann man allgemeines über die Situation der
Kinder sagen?
Kinder
zu haben, wird von der philippinischen Familie grundsätzlich als ein Reichtum,
als ein Segen angesehen, so daß die Gesellschaft sehr kinderlieb ist.
Oft werden die Kinder überaus verwöhnt. Aller Stolz der Eltern fließt
in die Kinder. Die Eltern legen sich oft krumm, um die beste Erziehung
zu ermöglichen. Kinder zu haben, ist ein Mittel der Selbstreproduktion,
der Selbstverwirklichung über den eigenen Tod hinaus: "Wir leben in und
durch unsere Kinder weiter".
Wie viele Kinder hat eine Familie im
Durchschnitt? 5 bis 6 Kinder
Wie ist die traditionelle Rolle der Kinder (Kinder
als Altersvorsorge)?
Kinder respektieren ihre Eltern und erbieten ihnen Ehre nicht
etwa aus einer materialistisch faßbaren Dankesschuld für (Geld-)
Ausgaben z.B. für Schulbildung, sondern es ist eine Dankesschuld
("utang ng loob" oder innere, nicht-materialistische und damit
nicht abtragbare Dankesschuld) gegenüber den Eltern und hier besonders
der Mutter. Man steht mit seiner Geburt in der Schuld. Hier schimmern
unter der dünnen Machodecke starke matriarchalische Strukturen durch.
Der, die Ältere genießt automatisch Respekt, was schon durch die Begrüßungsformel
zum Ausdruck kommt - Jüngere, auch schon erwachsene Kinder führen den
Handrücken der zu begrüßenden, älteren, zu respektierenden Person an ihre
Stirn.
Wie steht es mit der (Schul-) Ausbildung der Kinder?
Das
Schulsystem ist nach amerikanischem Vorbild stark ausgebildet und ein
ganz wichtiger, stabilisierender Faktor im ganzen Land, weil es ein Ordnungsprinzip
darstellt. Die Kinder tragen eine Schuluniform, so dass Ungleichheiten
in der Kleidung (Markenartikel!) vermieden werden; sie identifizieren
sich mit ihrer Schule. Dadurch wird das Gemeinschaftsgefühl gestärkt,
eine Konstante in Form von Regelmäßigkeit entsteht im Leben der Kinder,
gerade in ärmlichen Gebieten, wo Erziehung ja oft vom Überlebenskampf,
vom Chaos, von Unregelmäßigkeit beherrscht wird. Eine solche Regelmäßigkeit
ist beim Aufwachsen von Kindern sehr wichtig. Sie schafft Vertrauen, Verlässlichkeit.
Negativ ist anzumerken, daß viele Kinder nach ihrer - akademischen - Ausbildung
oft das Land verlassen, um als Spezialisten im Ausland zu arbeiten, vorzugsweise
in den USA. Sie verdienen dort mehr und können sich einen höheren Lebensstandard
leisten, was wiederum zu einer stärkeren Amerikanisierung (Verlust der
eigenen kulturellen Identität) führt. Das führt auch zur Ausbildung oligarchischer
Gesellschaftsformen: Die Reichen schauen auf die Armen herab, anstatt
sich mit ihnen zu solidarisieren.
Wie viele Kinder, schätzen Sie, arbeiten
dort?
Kinderarbeit ist stark ausgeprägt, auch und gerade auf dem
Land, im Haushalt.
Warum gibt es dort überhaupt
Kinderarbeit? wegen der Armut, da müssen alle
Familienmitglieder mithelfen.
Was ist die extremste Form der Kinderarbeit,
gibt es Kinderprostitution?
Es gibt organisierte Kinderprostitution auf der Straße oder
in Luxushotels (Sextourismus).
Gibt es (evtl.
traditionell bedingte) Unterschiede zwischen Mann und
Frau? philippinisches Sprichwort: Die Frau ist der Hals des
Mannes! Der Mann übernimmt die Macho-Rolle in der Gesellschaft, und die
Frau führt die Kasse - ist diejenige, die zumindest in der Familie das
Sagen hat.
Wie kann man den Kindern
helfen? Indem man Vorschulen einrichtet, Bildungsmaßnahmen
im Sinne von Emanzipation durchführt und gegen die Haltung der
katholischen Kirche protestiert, die bei Empfängnisverhütung
Exkommunizierung androht.
Was für einen Eindruck bekommt man als Tourist
von den Kindern im Land? Sind sie eher fröhlich, bedrückt, gehen sie auf
der Straße betteln, sieht man Straßen- und Müllsammler Kinder
häufig?
Die
Kinder sind sehr neugierig, Kleinkinder fangen manchmal zu weinen an,
weil die europäischen Gesichter mit den langen Nasen so fremd und bedrohlich
wirken. Sie sind durchweg fröhlich und spielen immer. Natürlich bekommt
man zu den Kindern am leichtesten Kontakt, sie umringen einen und folgen
einem auf Schritt und Tritt. Ihre Armut sieht man ihnen oft nicht an,
da alle Filipinos großen Wert auf saubere und adrette Kleidung legen.
Etwa ein Drittel des Einkommens wird für Kleidung ausgegeben. Lieber wird
am Essen gespart. Vor allem in den Großstädten sieht man auch häufig Kinder,
die betteln und dabei auch lästig werden können. Sie werden teilweise
von kriminellen Organisationen zum Betteln angehalten und müssen alles
Geld abgeben. Abends und nachts sieht man, wie sie auf einem Pappkarton
mit ihren Eltern auf dem Bürgersteig oder in einer Hofeinfahrt schlafen.
Viele Kinder versuchen durch Putzen der Autoscheiben an den roten Ampeln
etwas zu verdienen.
Was tut der Staat gegen die Probleme wie
Strassenkinder oder Kinderprostitution tut? Sind Hilfen, falls gegeben,
effektiv?
In großen Städten (z.B. vor 2 Jahren in Davao / Mindanao) werden
die Straßen von Zeit zu Zeit (vor allem vor internationalen Kongressen,
Veranstaltungen mit ausländischen Teilnehmern) von der Polizei "gesäubert",
d.h. alle Straßenkinder werden erst einmal ins Gefängnis gesteckt. Dort
kommen sie mit Erwachsenen in eine Zelle, die kriminell sind und sich
häufig an den Kindern vergehen. Es kommt oft vor, dass Mütter ihre Kinder
in die Gefängnisse mitnehmen müssen, da sie keine andere Möglichkeit haben,
ihre Kinder durchzubringen. Durch die in den Gefängnissen herrschende
Gewalt mit sexuellen Übergriffen - auch und gerade den Frauen gegenüber
- werden diese Kinder psychisch traumatisiert. Von staatlicher Seite aus
gibt es Hilfsprogramme, die aber wegen der Armut nicht effektiv sind.
Sind Mädchen traditionell benachteiligt? (wie
in vielen asiatischen Ländern die Abtreibungsrate bei Mädchen höher ist,
sie schlechter medizinisch versorgt und ernährt werden, Mitgiftbelatsung
für die Eltern sind?) Obwohl es ja ein katholisch geprägtes Land ist?
Mädchen sind nicht schlechter gestellt. Ein Mitgiftproblem
wie in Indien gibt es nicht. Natürlich freut sich der philippinische Vater
besonders, wenn ein "Stammhalter" geboren wird. Die Frauen (und damit
auch die Mädchen) haben eine sehr starke Stellung in der philippinischen
Gesellschaft - womenpower!
Ist die Schulbildung von Mädchen
schlechter? nein
Präsidentin Arroyo hat den Bau von 450 neuen Grundschulen
versprochen. Ist an solchen Versprechen etwas dran, gibt es in der philippinischen
Politik Fortschritte in Sachen Bildung?
Ein Beispiel: Die Stiftung unterstützt eine Vorschule in einem
kleinen ländlichen Dorf in der Provinz Maguindanao in Mindanao. In dem
gleichen Dorf wurde im letzten Sommer eine staatliche Schule eröffnet,
d.h. ein Gebäude eingerichtet und LehrerInnen angestellt. Bisher gab es
dort keine staatliche Schule. Der Haken ist nur, daß die LehrerInnnen,
die sich beworben und auch angestellt worden sind, so weit entfernt wohnen,
daß sie täglich drei Stunden hin und drei Stunden zurück fahren müssten.
Kein Lehrer wird also kommen können, gleichwohl kassiert er das im übrigen
sehr magere Gehalt. LehrerInnen verdienen sehr schlecht. Mit anderen Worten:
Die Schule steht nur auf dem Papier. Niemand kümmert sich um diese misslungene
Umsetzung. Das hängt mit der schon erwähnten oligarchischen Gesellschaftsstruktur
zusammen, die bewirkt, dass sich auch die Politiker nicht um die Folgen
der von ihnen erlassenen Anordnungen an der Basis kümmern.
Kennen Sie Einzelschicksale von Kindern auf den
Philippinen, die Sie vorstellen können?
"Joel"
und "Diana", ein siebenjähriger Junge und ein neunjähriges Mädchen, haben
das gleiche Schicksal: Sie wurden mit einer sogenannten Lippen-, Kiefer-, Gaumen-, oder Segel-Spalte geboren und sind daher seit ihrer Geburt entstellt.
Sie können nicht richtig essen. Sie leben in dem Nachbardorf, von dem
oben die Rede war. Sie müßten operiert werden, doch dafür fehlt das Geld;
außerdem gibt es in dem Dorf keinen Arzt, der das machen könnte. Die nächste
Krankenstation ist 23 Kilometer entfernt und nur auf einem ehemaligen
Holzabfuhrweg zu erreichen, der bei Regen unpassierbar ist und ansonsten
nur mit besonders ausgerüsteten geländegängigen Motorrädern bewältigt
werden kann. Zu diesem Zweck wickeln die Motorradfahrer Fahrradketten
um die Räder, damit diese besser im Matsch greifen können. Wir
würden schlicht Schneeketten sagen. Wird jemand ernstlich krank, so dass
er nicht mehr auf dem Motorrad sitzen kann, sondern liegen muß, muß er
diese Strecke getragen werden. Aber auch in dieser Krankenstation kann
eine solche Kieferoperation nicht durchgeführt werden. Sie dient nur für
Entbindungen. Es gibt dort nur einen Arzt, der auch nur gelegentlich da
ist. (Ein ähnliches Problem wie bei dem oben erwähnten neuen Schulbau;
es mangelt an der Umsetzung; es ist alles Stückwerk). Die nächst größere
Krankenstation befindet sich weitere 25 bzw. 40 Kilometer entfernt. Wie
können Joel und Diana dorthin kommen? Die Stiftung versucht gerade, diese
Frage zu beantworten und Mittel und Wege für eine Operation herauszufinden
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